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Die Melodie, die seit sechshundert Jahren abbricht

Jede Stunde, Tag und Nacht, spielt ein Trompeter vom Turm der Marienkirche. Und er hört immer an derselben Stelle auf.

MMagdalena4 Min. Lesezeit

Wer zur vollen Stunde auf dem Hauptmarkt steht, hört, was die Krakauer zu Zeiten der Jagiellonen hörten: Ein Trompeter im Fenster des höheren Turms der Marienkirche spielt den Hejnał in alle vier Himmelsrichtungen. Die Melodie ist einfach, ein gutes Dutzend Töne, und sie endet immer gleich: abrupt, als hätte jemand dem Spieler die Trompete vom Mund gerissen.

Die Legende erklärt es so: Als sich 1241 die Tataren der Stadt näherten, sah der Wächter auf dem Turm sie als Erster und blies Alarm. Die Tore wurden rechtzeitig geschlossen, doch ein tatarischer Pfeil traf ihn in die Kehle, und die Melodie brach mittendrin ab. Zu seinem Andenken spielt man sie seither genau so.

Historiker schütteln den Kopf. Die ältesten Aufzeichnungen über den Hejnał stammen aus dem 14. Jahrhundert, und die Legende vom Pfeil schrieb erstmals ein amerikanischer Autor nieder: Eric Kelly, in seinem Buch Der Trompeter von Krakau von 1928. Vorher hatte niemand davon gehört. Wahrscheinlich wurde die Melodie schlicht gekürzt, weil der Trompeter sie viermal hintereinander aus vier Fenstern spielte und die letzte Phrase abschnitt, um es zu schaffen.

Das ändert nichts daran, dass der Hejnał das älteste ununterbrochen gespielte Stadtsignal Europas ist. Es spielen ihn Feuerwehrleute vom Wachposten auf dem Turm, im Schichtdienst, Tag und Nacht, das ganze Jahr. Mittags überträgt ihn der Polnische Rundfunk, seit 1927, mit einer Pause nur im Krieg. Die Trompeter sagen, der Winter sei am schwersten: Das Mundstück friert an den Lippen fest, und der Wind in 54 Metern Höhe bläst so stark, dass man sich am Fensterrahmen festhalten muss.

Ein kleines Ritual für Besucher: Nach dem Hejnał winkt der Trompeter allen zu, die ihm zuwinken. Mach es. Man sagt, es bringe Glück, und ganz sicher bringt es jemandem ein Lächeln, der gerade 239 Stufen hinaufgestiegen ist.

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